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Mutterkuh

Das Tal hat die Frau gefickt. Und das Vieh ist eine Mutterkuh. Um die Nachwehen zu stillen, muss man dem Vieh ein in Rotwein getränktes Tuch auflegen. Die Frau aus der Stadt fühlt die Rolle der Arbeiterin und würde keinen Tag durchhalten. Die Frau aus der Stadt sagt: „Schau mal, die benutzt noch ihre Hände.“ Sie will aber sagen: „Die lebt den Feminismus und ich propagiere ihn nur.“

Sie will die Frau aus dem Tal nicht romantisieren. Aber sie verliebt sich dennoch in sie. Sie will sie lieben, weil sie ja nicht nur mit der Rechen auf dem Feld steht, sondern weil sie sich vor den Mann stellt und brüllt. Die trägt ein gelbes Kleid und blaue Sneakers und klatscht sich Mascara auf die Wimpern; wenn sie ausgeht in einem Tal in dem nichts ågeht, dann liebt die Frau aus der Stadt sie, weil die Frau aus dem Tal beides verbindet uns sie das selbst nicht mehr kann.

Die Frau aus der Stadt hat sich immer über die Frau aus dem Tal lustig gemacht. Sie hat immer gesagt: Die Frau auf dem Land lässt sich unterdrücken, ist die deppert. Der Mann sagt: „Der eine, der da in der Hütte wohnt, a echta Wilderer, der hat hier alle Frauen gehabt.“ Da strebt Bewunderung aus der Stimme des Mannes, er sagt über die Frau aus dem Tal, wie die Frau aus der Stadt: Die kann hackeln. Er sagt. Die Frau hat zwei Hütten. Die. Hat sie an ihren Bruder abgegeben. Alleine schafft sie’s net. Die hat keinen Mann, sagt er, wie soll sie es auch schaffen. Und die Männer aus dem Tal, die nicken und sagen: Ohne uns geht es wirklich nicht. Aber die Frau aus dem Tal hütet das Vieh und nimmt das Heu und die zerfetzt ihre Sneakers und die lässt sich die schwarzen Haare braun färben; die ist so viele, aber egal, wie sie sich anzieht und wie viel sie hackelt: Alles, was durch den Bach fließt, ist hier von Steinen durchbrochen.

Über die Frau aus dem Tal wird nie gesagt: „Die ist eine Wilderin.“ Da wird nie gesagt: „Die hat sie alle gehabt; die ist oarg.“ Die Frau trägt nur die Schuld, dass sie gegangen ist und das Tal hat sterben lassen. Weil sie studiert in Innsbruck, weil sie das Erbe von den Hütten mitgenommen hat, weil sie in Imst geheiratet hat. Aber der Mann versteht nicht die Lust, die in ihr aufkommt, wenn die Frau ein ganzes Tal untergehen lassen kann.

Die Frau aus der Stadt spürt im Tal ihr eigenes Begehren, weil sie mal gelesen hat, dass die Natur so wild ist wie sie. Die spürt jetzt, dass sie auch begehrt werden will. Die leidet, wenn sie nicht begehrt wird, die jault wie ein Wolf und kämpft wie ein Bär und lehnt sich gegen den Wind, immer auf die nächste Ablehnung wartend. Die Frau aus der Stadt sagt dem Mann aus der Stadt, dass sie ihn will, aber der sagt: „Du begehrst zu viel.“

Im Tal geht es nirgends hin. Das Geld ist für die Orgel da, nicht für die Frau. Hier wird sie für alles verantwortlich gemacht, aber nach nichts gefragt. Hier bestellt sie das Feld. Hier wird sie zum Wild, das gejagt wird, dabei weiß sie selbst, wie Wild zerlegt wird. Und die Frau aus der Stadt denkt, dass sie niemals so enden will. Die Frau aus der Stadt geht lieber im fünften Bezirk auf die Jagd und schießt sich selbst tot. Sie denkt, dass die Frau aus dem Tal tot ist. Aber die Frau aus dem Tal ist die, die den Jagdschein gemacht hat. Die Frau aus dem Tal kommt ebenso wie die Frau aus der Stadt manchmal vor Begehren fast um. Ich liege im Bett, denke an dich und an die Mutterkuh, der bei Schmerzen Rotwein gegeben wird.

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